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MVP: von Konzept zum Livegang in 6 Wochen

Weiter geht es mit meiner Serie über die eigene Gründung. Ich hoffe damit andere angehende Gründer zu inspirieren, Diskussion anzuregen und offen über Fehler zu sprechen. Der letzte Beitrag waren die ersten 6 Wochen. Jetzt geht darum, dass eigentlich Produkt zu bauen.

Ein Marktplatz ist einfach zu bauen und schwer groß zu bekommen

Zuerst mussten wir festlegen, wie das Produkt überhaupt aussehen soll. Ziel war es, dass wir eine Seite bauen, wo Frauen tolle Brautkleider finden. Tja, leichter gedacht als getan. Dazu brauchten wir natürlich Hochzeitskleider, demnach eine Funktion für Händler und Privatpersonen, damit diese ihre Brautkleider online stellen können. Wir wollten von Anfang an einen Marktplatz erschaffen aus diversen Gründen

  • Markplätze brauchen kein eigenes Inventar. Dies spart Cashflow für Working Capital.
  • Marktplätze benötigen wenige Mitarbeiter. Daher geringere Personalkosten.
  • Marktplätze sind sehr mächtig, wenn sie erstmal groß sind (schaut euch ebay an).
  • Doch Marktplätze sind sehr schwer groß zu bekommen, denn es bedarf einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage.

Aas nächstes erstellten wir ein Konzept. Legten die Features fest, die zu programmierenden Seiten, den Aufbau und die Navigation.

Konzept

Wie du siehst, ist mehr im Hintergrund, als man denkt.

Der Plan war die Seite komplett zu bauen und dann live zu gehen

Als nächstes mussten wir einen Designer suchen. Für das Konzept wie du es siehst, verlangten die meisten Agenturen 15.000 € bis 30.000 €. Das wollten wir natürlich nicht zahlen. Wir haben am Ende einen talentierten und ambitionierten Designer gefunden, den ich euch gerne empfehle.

Jedenfalls war unser Plan für die nächsten Monate folgender:

  1. Produkt entwerfen
  2. Mockups bauen
  3. Designen
  4. Programmieren
  5. Live gehen und testen

Anfangen wollten wir mit einer Launch Page und dann anschließend die komplette Seite live schalten.

Launchpage

Nach 6 Wochen live

Die Realität war jedoch, dass wir nach 6 Wochen live waren. Wir hatten nichtmal eine Launch Page online gestellt. Wieso und Wie? Nun, während ich die Mockups baute, programmierte mein Mitgründer die Seite (komplexer als du denken magst, denn es gibt keine Vorlagen für Marktplätze). Und als ich ein paar Tage später von Designer einen ersten Entwurf bekam, ging dieser sofort an einen befreundeten HTMLer. Dieser baue uns die Landing Page für “Brautkleid verkauf” und wir schalteten diese online. Sofort natürlich mit einer adwords Kampagne verbunden. Das Ergebnis war, dass wir in weniger als 6 Wochen einen proof of concept hatten: Frauen stellen ihre Brautkleider online.

Dadurch hatten wir Möglichkeiten zum testen. Wir konnten den Funnel optimieren, erste Feedbacks einsammeln und diese direkt in den Rest der Seite einbauen. Ich finde es recht lustig, dass wir live gegangen sind, bevor der Designer überhaupt mit seiner Arbeit fertig war. Ok, hatte auch einige Nachteile. Dadurch waren grafische Elemente (inkl. Farben und Schrift) nicht ganz einheitlich, dass mussten wir später korrigieren.

Mockup vs. Design vs. Realität

Vieles geplant und teilweise umgesetzt

Nun, in dieser Phase haben wir natürlich einiges mehr geplant bis zum Livegang. Worauf also verzichten und es dann später nachholen?

  • Die Kundenkommunikation war anfangs nicht optimal, aber inzwischen läuft sie gut (Design der Mails, Texte, etc.)
  • Social haben wir erst 3 Monate später angefangen (Facebook, Twitter und Co)
  • Die Automatisierung von Prozessen klappte von Anfang an ganz gut.
  • Preise haben wir teilweise erst vor kurzem eingeführt. Es dauerte länger als geplant.
  • Die Vertriebsstruktur ist anderes gekommen, als wir es wollten.
  • SEO war von Anfang ein Fokus, doch die Umsetzung dauerte Monate (Schritt für Schritt)
  • Gewisse rechtliche Strukturen (z.B. die Gründung von SPVs) waren bis heute nicht notwendig.
  • Und PR haben wir bisher auch keine gemacht. Wieso auch? Unsere Devise: lieber handeln als darüber reden.

Mockup vs. Design vs. Realität

1 Jahr später

Wie sehe ich es nun ein Jahr später?

Ein Startup ist eine Folge von tausenden kleinen Schritten. Aus Erfahrung sind einige planbar, doch es kommen immer neue dazu. Jeder Schritt kann ein Fehler bedeuten. Es muss schon sehr viel richtig laufen, damit man ein Jahr später noch existiert. Einige Fehler konnten wir ausgleichen, doch ohne fremdes Geld ist der Spielraum begrenzt. Wir sind in einem Jahr weiter gekommen als angenommen (was Wachstum angeht) und haben mehr investiert als wir vor 12 Monaten planten und gleichzeitig weniger Geld ausgegeben, als wir vor 6 Monaten wollten.

Ich würde es erneut so machen

Ich bin recht zufrieden mit dem Tempo. Wir haben sehr viel Fokus auf das Produkt gewidmet. Bis heute gehen die meisten Ressourcen in die Entwicklung der Plattform, in die Verbesserung der Usability, Steigerung der Conversions und Optimierung der Onpage für Google. Wir sind so schnell wie möglich live gegangen um zu testen, testen, testen. Seit dem haben wir nonstop am Produkt gebaut und alle Verbesserungen später nachgeschoben. Das ist einfach der Vorteil an einem Webprodukt. Es ist kein Auto, was einmal fertig sein muss und danach nicht mehr korrigiert werden kann.

Etwas mehr Planung am Anfang hätte uns geholfen. Gerade was SEO und die Strukturierung des Magazins angeht. Doch wären wir zum einem langsamer gewesen und zum anderem hätten wir es nicht besser gewusst. Es leicht später zu sagen, was man besser machen könnte. Doch vor 12 Monaten wusste ich es nicht.

Wir haben es geschafft mit weniger als 1.000 € Ausgaben live zu gehen, ein Produkt zu bauen was einen proof of concept erbringen konnte. Das war unser erstes Ziel und wir erreichten es innerhalb von 6 Wochen.

Ich stimme Jochen von exciting commerce zu. Ja, einen Onlinemarktplatz aufzubauen ist schwierig. Wir wussten wir vorher und der Versuch ist es uns wert. Hoffentlich werden die Brautkleid-suchenden Frauen dieser Welt uns eines Tages dafür danken.

Ein MVP reduziert das Risiko

Und zum MVP? Lohnt es sich? Wer eine Geschäftsidee hat, die bereits einen Proof of Concept erbrachte (z.b. eine CopyCat eines US-Vorbilds), der braucht kein MVP. Er kann sich Zeit nehmen und das Produkt kopieren, es verbessern und live zu gehen. Natürlich nur, wenn es Niemanden anderes gibt. Jedoch ist im Internet Geschwindigkeit super wichtig. Und Iterationen auch. Wir können so fantastisch viel messen und testen. Wieso diese Möglichkeiten nicht nutzen? Im Elfenbeinturm eine Webseite zu entwickeln, welche vielleicht den Markt verfehlen könnte – das ist riskant. Es koste Geld (vorab). Man könnte gut und gerne 60.000 € in eine Webseite stecken, bevor diese live ist (Gehälter für Management, Entwickler und Agenturen). Ich habe Teams getroffen, die haben 150.000 € ausgegeben und hatten kein Geschäftsmodell am Ende. Da baue ich doch lieber etwas günstiges, teste es und investieren mehr Geld, wenn ich weiß, dass ich auch Geld verdienen werde.

Interessant?