Ich bin 40 geworden.
Den Tag davor habe ich im Wald verbracht. Vier Freunde, Feldbetten im Kreis um ein kleines Feuer, offener Himmel, T-Bone-Steaks. Wir haben Bogen geschossen, ein Luftgewehr repariert und sind Nachts zwei Stunden durch den Wald gelaufen. Keiner hatte ein Geschenk eingepackt — im Wald muss man alles wieder mit nach Hause nehmen.
Am nächsten Morgen bin ich nach Hause gefahren, und mein Sohn durfte die Pakete auspacken, die zu Hause auf dem Tisch lagen. Er hat gebuddelt wie ein Weltmeister.
Das ist, glaube ich, die kürzeste Beschreibung meiner letzten zehn Jahre.
Die 20er: Ein Plan, der nicht meiner war
Ich hatte einen Plan, zehn Jahre lang. Beratung, dann Private Equity, dann eigene Firma. McKinsey war das Ziel. Ich habe mich vorbereitet, trainiert, beworben.
Alle Interviews: Absage. Null Angebote.
Ich war Anfang zwanzig und der Plan war weg. Und mit ihm eine Identität, von der ich damals nicht wusste, dass sie geliehen war.
Denn der Plan war nicht meiner. Er war der Plan eines Sohnes, der gesehen werden wollte. Der den Stolz seines Vaters wollte. Der gelernt hatte, dass Liebe etwas ist, das man sich verdient — durch Leistung, durch Erfolg, durch die richtigen Namen im Lebenslauf.
Stattdessen bin ich über ein Praktikum bei Team Europe in der Berliner Startup-Szene gelandet, lange bevor das irgendjemand ernst nahm. Meine Eltern und meine damalige Freundin konnten das kaum nachvollziehen. Die Promotionsstelle in St. Gallen habe ich abgesagt.
In meinem Abi-Jahrbuch von 2006 stand, wo ich mit 30 sein würde: verheiratet, promoviert, in China. Drei von drei verfehlt.
Ich habe es nie bereut. Das ist die erste Lektion, die ich habe: Meine Bilanz beim Planen ist mittelmäßig. Meine Bilanz beim Nichtwissen ist ausgezeichnet.
Die 30er: Die Metrik war falsch
Die 30er haben mich gemacht und mehrfach gebrochen.
Eigener VC. 2014 der Fokus auf Künstliche Intelligenz, Jahre bevor das Thema in Deutschland ankam. Mit meiner Frau eine Konferenz aufgebaut, aus einem Meetup mit zehn Leuten. Bundestag, Brüssel, Presse, Bühnen. In den Vor-Corona-Jahren habe ich über fünfzig Länder bereist und vor Zehntausenden gesprochen.
Ich habe damals meine Jahre in Zahlen gemessen. 562 Meetings 2017. 508 in 2018. 42 Vorträge.
2019 habe ich zum ersten Mal gedacht: Die Zahl muss runter, nicht hoch. Ich hatte alles und war unglücklich damit.
Im März 2020 stand ich vor meinem leergewischten Whiteboard. Corona hatte alles gekippt: Konferenz, Reisen, Projekte, Kinderplanung. Ich telefonierte mit meiner Schwester und merkte, dass alles, was auf dem Board gestanden hatte, dasselbe bedeutete: Geld und Anerkennung.
Ich war ein Getriebener meiner eigenen Ängste.
Danach kam die eigentliche Arbeit. Nicht Unternehmensarbeit — innere. Basiswoche, Coaching, Jahre davon. Ich habe verstanden, woher die Angst kam: meinen Vater zu enttäuschen. Nicht geliebt zu werden, wenn ich nicht funktioniere. Und dann die Scham über diese Angst.
2021 habe ich ihm gesagt, was ich nie laut gesagt hatte: Papa, ich liebe dich. Und ich weiß, dass du mich auch immer geliebt hast.
Heute geht es ihm nicht gut. Körper und Geist bauen schnell ab. Das macht mich traurig. Aber ich trage keine offenen Rechnungen mehr.
Die Welle brechen
Dann wurde ich selbst Vater.
Ich wollte nicht weitergeben, was ich geerbt hatte: Leistung als Liebe, Funktionieren statt Fühlen, Kontrolle statt Verbindung.
Ich arbeite heute rund 15 Stunden die Woche. In genau den Jahren, in denen meine Branche explodiert. Das ist die teuerste Entscheidung meines Lebens, und ich treffe sie jeden Tag neu.
Als ich nach dem Wochenende im Wald nach Hause kam, hat mein Sohn kaum reagiert. Kein Drama, keine Klammerei. Papa kommt, Papa geht, Papa ist da.
Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass das das Beste ist, was mir an diesem Wochenende passiert ist. Er hat mit zweieinhalb, was ich mit fünfunddreißig bekommen habe.
Was ich noch nicht kann
Und jetzt der Teil, den ich in einem LinkedIn-Post weglassen würde.
Ich kann schlecht genießen. Ich kann schwer stolz auf mich sein.
Ich bin sehr gut im Weglassen geworden — jedes Jahr weniger Meetings, weniger Reisen, weniger Bühnen, und jedes Mal war es richtig. Aber ich habe nie gelernt, etwas hinzuzufügen, das keinen Zweck hat. Etwas, das nur mir gehört. Arbeit ist erlaubt, weil sie Leistung ist. Das ist dieselbe Währung, in der ich als Kind bezahlt wurde.
Die Anerkennungssucht ist weg. Das habe ich 2021 geschrieben und es stimmt. Das Bedürfnis ist geblieben. Nur habe ich parallel die Zufuhr abgestellt, ohne dass nach innen eine Quelle gewachsen ist.
Das ist meine Baustelle für die 40er. Nicht die nächste Firma. Nicht die nächste Bühne.
Tiefe statt Breite
Was ich mir vornehme, ist überschaubar.
Tiefere Freundschaften statt mehr Kontakte. Meine vier engsten Freundschaften sind alle jünger als zehn Jahre. Ich habe mit Mitte dreißig neu angefangen, und es hat funktioniert.
Meinen Sohn begleiten. Diese Jahre sind endlich.
Und gehört werden, weil ich etwas zu sagen habe — nicht, um mich dadurch wertvoller zu fühlen. In den 20ern wollte ich gesehen werden, um jemand zu sein. In den 40ern will ich gesehen werden, weil ich etwas zu sagen habe. Das ist der ganze Unterschied.
Neulich stand ein junger Nachbar vor mir. Getrieben, ehrgeizig, will unbedingt Erfolg. Ich habe ihm nicht das Fazit erzählt. Ich habe ihm den Weg erzählt, mitsamt der Stelle, an der es bei mir immer noch hakt.
Brief an den 50-jährigen Fabian
Du bist zehn Jahre älter. Mein Sohn ist zwölf. Ich hoffe, du warst da.
Ich schreibe dir nicht, um dir zu sagen, was du erreicht haben sollst. Ich will wissen, ob du etwas gelernt hast, das ich heute nicht kann.
Kannst du inzwischen genießen? Nicht Urlaub machen, nicht abschalten — das kann ich auch. Ich meine: einen Nachmittag verbringen, der zu nichts führt, und danach nicht das Gefühl haben, ihn nachholen zu müssen.
Hast du etwas, das nur dir gehört? Etwas ohne Zweck, ohne Publikum, ohne Ergebnis. Ich hoffe, du hast es angefangen, als es sich noch albern anfühlte.
Bist du stolz auf dich? Nicht auf die Firma, nicht auf das Buch, nicht auf die Bühne. Auf dich. Ich schaffe das heute nur in Sekunden, und dann schiebt sich sofort etwas davor.
Ich wünsche dir, dass dein Vater dich noch erlebt hat, so lange es ging. Dass du in den Jahren, in denen es schwer wurde, oft genug dort warst. Und dass du dich später nicht dafür rechtfertigen musstest.
Ich wünsche dir, dass die vier Freundschaften dann zwanzig Jahre alt sind. Dass keine davon daran gescheitert ist, dass du zu beschäftigt warst.
Ich wünsche dir, dass dein Sohn mit zwölf noch mit dir redet. Nicht weil er muss. Weil du jemand bist, mit dem man reden kann.
Eines weiß ich sicher: Es wird eng geworden sein. Irgendwann zwischen 40 und 50 kam eine Phase, in der sehr viel gleichzeitig ging und alles danach verlangte, wieder mehr zu arbeiten. Das ist der Moment, in dem man zurückfällt. Ich hoffe, du bist nicht zurückgefallen. Und falls doch: Ich hoffe, du hast es gemerkt und korrigiert, bevor es zehn Jahre wurden.
Und wenn du mit 50 zurückblickst und feststellst, dass du die Baustelle immer noch nicht geschlossen hast — dann sei gnädig mit dir. Ich bin es mit dir. Es hat ja auch bis 40 gedauert, erwachsen zu werden.
Bis gleich.