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Die ersten 10 Jahre – Gewinnen, Verlieren und Lernen

Vor genau zehn Jahren erhielt ich mein Abitur, verließ das elterliche Nest und stehe im Real Life. Meine Jugendziele habe ich verfehlt und doch bin ich glücklich, zufrieden und habe viel gelernt. Ein Artikel über meine Erfahrungen und Erkenntnisse als junger Mann, Unternehmer, Autor und Reisender durch das Leben.

Seit zehn Jahren im Real Life

Diese Woche hat sich mein Abitur zum zehnten Mal gejährt. Es gibt eine kleine Zusammenkunft und für mich den Anlass, etwas zu reflektieren. Zehn Jahre, seitdem ich daheim ausgezogen bin und meine Füße nicht mehr unter dem Tisch meiner Eltern habe.

Das Schulleben war einfach. Die Eltern zahlten die Miete. Es gab einen fixen Ablauf, klare Regeln und ein vorbestimmtes Ziel (Abitur). So gesehen war es die Zeit meines Lebens mit der geringsten Verantwortung.

Der Jugendtraum Unternehmer zu werden

Während meines Abiturs waren meine Ziele und Wünsche klar: Ich wollte Unternehmer werden. Meine Eltern sind Unternehmer und ich kannte nie etwas anderes als lange Arbeitszeiten, Stress, Druck und kaum liquide Mittel.

Damals hatte ich die Vorstellung, dass Unternehmer zu sein bedeutet, man hätte eine Fabrik mit Fließbändern und vielen Mitarbeitern. Daraufhin wollte ich Kaufmann werden (also Betriebswirtschaftslehre studieren), um zu lernen wie man Firmen führt. Über die Beratung (Jobziel nach dem Studium) wollte ich dann verstehen, welche Industrien mich interessieren. Das Etappenziel wäre dann Private Equity gewesen, denn dort lernt man Firmen zu kaufen.

Bis zum Wendepunkt im Herbst 2010 legte ich meine Karriereplanung anhand dieses Wegs aus. Mein Vater gab mir mit auf den Weg:

Ziele findet man nicht, man setzt sie sich.

Der Plan: Promotion, Ausland und Heiraten

Im meinem Jahrbuch von 2006 steht so schön, dass ich in zehn Jahren:

Verheiratet bin, einen Master oder eine Promotion in St. Gallen erworben habe und in China arbeite.

Zum Abgleich der Zielerreichung kommen wir später im Artikel.

Ebenso war es mir wichtig zu reisen. Ich hatte meine Jugend auf dem Land verbracht und wollte da unbedingt weg. Und mit Land meine ich, dass der nächste Nachbar einen Kilometer entfernt war und man eineinhalb Stunden ins Kino brauchte.

Es kam vieles anders

Spulen wir jetzt zehn Jahre vor: Was habe ich aus meiner subjektiven Einschätzung bisher geschafft?

  • Ich habe 45 Länder bereist
  • Ich habe über 10.000 Start-up-Deals gesehen
  • Ich habe mehr als 100 Bücher gelesen und 500 Filme gesehen
  • Ich war in mehr als 30 Firmen involviert; als Geschäftsführer, CEO, Aufsichtsrat und Investor
  • Ich habe 2 Studienabschlüsse
  • Ich habe 250 Blogartikel und Veröffentlichungen geschrieben
  • Ich habe über 30 Vorträge gehalten

Ziele erreicht oder verfehlt?

Doch wollte ich dies vor zehn Jahren?

Ich bin nicht verheiratet.

Ich arbeite nicht in China.

Ich habe nicht promoviert.

Bis 2010 verlief alles nach Plan. Ich wäre heute verheiratet. Ich hätte promoviert und vielleicht würde ich auch im Ausland arbeiten.

Doch dann passierte im Herbst 2010 etwas, was ungeplant war. Ich machte ein Praktikum bei Team Europe und es verdrehte meine Welt. Zum einem verliebte ich mich in Berlin. Und dann fand ich meine Heimat in der wachsenden Tech-Start-up-Industrie. Diese Energie, diese Möglichkeiten und diese Kultur zogen mich sofort in ihren Bann.

Seitdem sind Promotion und Beratung passé. Die Promotionsstelle an der Universität St. Gallen lehnte ich ab, und fing stattdessen während meines Studiums bei Team Europe an. Ich habe es nie bereut.

Zehn Jahre in einer Grafik

Für meine Leser habe ich die letzten zehn Jahre als Grafik zusammengefasst.

Fabian Westerheide

Erkenntnisse der letzten zehn Jahre

Es ist eine interessante Übung gewesen. Mir fällt dabei das ein oder andere auf. Zum einem habe ich immer gearbeitet. Die Anzahl der Projekte ist größer, als ich sie aufgeführt habe. Das Studium war nie mein Hauptfokus.

Zudem mache ich immer mehr als eine Sache. Es hat mich jahrelang irritiert, doch dann las ich das Buch: „Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast.“ Seitdem weiß ich, dass ich normal bin mit meinen unzähligen Interessen und dieser tiefen Neugierde, ständig etwas zu lernen.

Und wenn wir schon beim Lernen sind. Lernen hört nicht mit dem Studium auf. Ich lerne jeden Tag. Ich lese inzwischen sogar mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen als während des Studiums. Man lernt nie aus.

Ebenso diskutiere ich gerne und teile mein Wissen. Früher war ich aktiv in der Jungen Union und später in diversen Studentenparlamenten. Heute schreibe ich meine Blogartikel und bin immer wieder als Redner auf der Bühne.

Sport war schon immer wichtig, doch nachdem ich im Voltigieren alles erreicht hatte (D-Kader, Deutsche Meisterschaften), brauchte ich Jahre, um wieder neue Sportarten zu finden. Rückwirkend weiß ich, dass kein Sport einen negativen Einfluss auf die Psyche hat.

Single zu sein in Berlin war fabelhaft und anstrengend. Und ich vermisse es nicht.

Seit einiger Zeit arbeite ich aktiv daran, glücklich zu sein. Vorher habe ich mich von meinen eigenen Zielen getrieben gefühlt. Heute habe ich mir meine Welt so gebaut, dass ich mit Leidenschaft jeden Tag den neuen Herausforderungen nachgehen kann.

Ich habe gewonnen und verloren

Ich liebe Asgard. Ich liebe diesen Blog. Ich liebe es, öffentlich zu sprechen. Ich genieße es, klassische Musik auf dem Klavier zu spielen. Ich habe Vergnügen beim Salsa tanzen und Paintball spielen. Ich liebe meine Freunde und Familie.

Natürlich habe ich auch verloren in den letzten Jahren. Einiges davon habe ich im Blog thematisiert. Ich habe dutzende Bewerbungen geschrieben und Interviews bei Beratungen gehabt. 0 Angebote gab es.

Ich habe Pleiten von Start-ups und Firmen erlebt.

Ich habe Freunde, Geschäftspartner und Beziehungen verloren.

Ich wurde bestohlen, betrogen und belogen.

Doch wer hat das nicht erlebt?

Natürlich habe ich auch viel gewonnen: Erkenntnisse, Erfahrungen, Liebe, Erinnerungen und innere Ruhe.

Wie ich es heute sehe

Was ist nun mein Fazit und was würde ich meinem jüngeren Ich auf den Weg mitgeben? Was habe ich gelernt oder empfinde ich anders, heute, zehn Jahre später?

Ich würde mir nicht einreden lassen, dass man nur eine Sache machen kann. Ich empfehle jedem Schulabgänger da draußen, herauszufinden, was ihn wirklich begeistert. Jeder Tag ist kostbar und man sollte sehr genau überlegen, wofür man seine Lebenszeit opfert. Entdecke Deine Leidenschaften und lebe sie aus.

Ansonsten ist das Real Life härter als ich dachte. Es ist anstrengend, und als Kind unterschätzt man dies. Man muss Miete zahlen, Essen auf den Tisch bringen und später eine Familie versorgen. Es wird von einem erwartet, immer kluge Entscheidungen zu treffen und an die Zukunft zu denken. Wir werden dazu erzogen, mehr im Morgen zu leben als im Heute zu sein.

Ich habe beobachtet, dass Freunde und Familie einen ein Leben lang begleiten, doch Firmen & Arbeitsplätze kommen und gehen. Es war eine schmerzhafte Erfahrung für mich, die Prioritäten richtig zu setzen.

Ebenso sind Menschen der Schlüssel zu vielem. Menschen bringen einem etwas bei. Menschen inspirieren uns. Menschen helfen Dir beim Träumen. Menschen geben Dir Ratschläge, wenn Du Hilfe brauchst. Mit Menschen hast Du Spaß und Freude. Umgib Dich mit Menschen, die voller positiver Energie sind, und halte Dich von negativen Menschen fern.

Die Welt besteht aus Netzwerken. Ohne Netzwerk ist es sehr schwer, Erfolge zu haben. Bis heute habe ich keine Tätigkeit über eine klassische Bewerbung bekommen. Alles lief über Kontakte, die ich mir selber aufgebaut hatte (Netzwerk ist alles).

Such Dir nie einen Job, sondern einen Beruf. Beruf kommt von Berufung und ist Teil Deiner Selbstverwirklichung.

Es gibt Höhen und Tiefen. Es gibt helle und dunkle Tagen. Manchmal dauern die dunklen Tage Wochen und Monate. Doch sei Dir sicher, irgendwann wird es wieder hell (die dunkle und helle Seite des Unternehmerlebens).

Geld macht nicht glücklich. Geld ist ein Tauschmittel für Lebenszeit. Vieles da draußen ist unbezahlbar, überteuert oder kostenlos.

1 % ist die Idee. Ideen sind einfach. 99 % sind Fleiß, Schweiß und etwas Glück. Die Umsetzung zählt, genau wie das richtige Timing und das passende Team.

Wenn sich etwas wie Arbeit anfühlt, dann versuche es, durch Maschinen zu ersetzen. Lasse die Maschinen für Dich arbeiten.

Das Leben ist nicht das Erreichen von Zielen, sondern der Weg dahin.

Erinnerst Du Dich noch an Deine Träume aus der Schulzeit?

Wie ist Dein Resümee der letzten zehn Lebensjahre?

Auf weitere zehn ereignisreiche Jahre.

Weitere Artikel zu dem Thema:
Gleichgewicht bewahren
Selbstmanagement
Über den eigenen Schatten springen
Lass Dich fallen
Kosten, die ein Unternehmer persönlich trägt

Interessant?
  • David Rudo

    Mein Traum war, mit 30 soviel Geld verdient zu haben dass ich mir aussuchen kann wann, wo und mit wem ich arbeite. Das ich nicht von 7-19 Uhr unterwegs bin und mich selbst aus dem Angestellten Hamsterrad befreit habe…Ich probier mit 40 nochmal den Review ;-)

    • Meinst du es liegt am Geld? Ich dachte immer, ich brauche das Geld für genau die gleichen Freiheiten. Nun stelle ich fest, es liegt nicht am Geld, sondern an den Aufgaben. Es gibt Tätigkeiten, die geben einem viel Freiheit (wo, wann, was) ohne großzügige Bezahlung. Für die Miete reicht es trotzdem und macht zudem zufrieden.

      • Hätte dazu schreiben sollen das es der Traum mit Anfang 20 war ;-) 10 Jahre später sieht man es dann anders…

        • Immerhin wusstest du schon mit 20, worum es geht. Ich habe dafür Jahre länger gebraucht.

  • „Ich würde mir nicht einreden lassen, dass man nur eine Sache machen kann“ aus dem Mund eines Gründers und VCs? Gefällt mir sehr gut. Danke dafür!

    • Es ist schwer. Eigentlich soll man sich fokussieren. Und doch neigt die Persönlichkeit dazu sich mit tausend anderen Sachen zu beschäftigen. Ich denke es ist wichtig, dass man etwas durchzieht, kämpft und nicht aufgibt.

      • Es gibt wohl unterschiedliche Ansätze, wie sich vielseitige Interessen / Begabungen unternehmerisch verwirklichen lassen.

        Ich wollte mir eine ganze Weile beweisen, dass es möglich ist, eine Vielfalt unternehmerischer und künstlerischer Initiativen parallel zu verfolgen und dabei vom Fleck zu kommen. Ich muss aber eingestehen, dass ich mit diesem übermütigen Vorhaben gescheitert bin.

        Jetzt splitte ich:
        Einerseits Cash-Cow, die ein bisschen Vielfalt erlaubt, und daneben Core-Business-Development mit intensivem Fokus. Beides in Bereichen, die mir leicht fallen – guter Gedanke, den ich bei Malik aufgeschnappt habe.

        Andererseits der Leidenschaft folgen. Die liegt bei mir in der Entwicklung dessen, was noch nicht markttauglich ist. Bei dem es noch nicht einmal sicher ist, ob es einen Markt gibt.

        Letzteres braucht tatsächlich große Ausdauer, aber es wird erträglicher, wenn es eine Cash-Cow gibt und heiße Eisen, die sich demnächst schmieden lassen.